
| Signatur | StAZH MM 24.6 KRP 1826/0002 |
| Titel | Eröffnung der Sitzung. |
| Datum | 19.06.1826 |
| P. | 3–7 |
[p. 3] In der Eröffnungsrede lenkte das präsidirende Standeshaupt gewohnter Maaßen seine Blicke zuerst auf die allgemeinen Wahlverhältniße. Die Frage über Krieg und Frieden ist zwar von der Europäischen Diplomatik für den letztern entschieden, allein das Vertrauen auf denselben wankt, und die Entdeckung einer ausgebreiteten Verschwörung im Norden gibt Stoff zu Besorgnißen. Der unerwartet frühzeitige Schluß der hohen Laufbahn Alexanders, Kaisers von Rußland, ist eine Calamität für Europa. Auch die Schweiz soll das Andenken dieses edeln für Menschenwohl beseelten Monarchen, der ihren glücklichen Uebergang zu wiedererlangter Selbstständigkeit wesentlich erleichterte und beförderte, hoch ehren. Sein Nachfolger kündigt die Grundsätze gleicher Politik und Anhänglichkeit an den Frieden an.
Mit schmerzlichen Gefühlen betrauert die civilisirte Menschheit die fortdauernden Bedrängniße, welche ein Volk, deßen [p. 4] Vätern wir die Lehren höchster Weisheit und das Vorbild reinster Freyheit verdanken, unter der blutigen Hand von Barbaren erleidet. Noch ist selbigem keine wesentliche Hülfe geleistet, und wenn auch endlich das Menschlichkeitsgefühl bey den Hohen Mächten über politische Rücksichten zu siegen vermag, so werden doch erst spätere Geschlechter und Nachkommen der gegenwärtigen Griechenhelden die Früchte davon genießen. Möge unser Vaterland beherzigen, wie schwer verlorne Freyheit wieder zu erringen ist; Auch die Lage von Portugal erinnert warnend an das Drückende einer erniedrigenden Abhängigkeit, welche in noch nicht lange entwichenen Zeiten auf der Schweiz haftete. Die Abweichung der politischen Systeme von England und Frankreich, deren jedes den Weg seiner ganz verschiedenen Intereßen verfolgt, wird auffallender, und beengt mit Zweifeln das menschliche Gemüth, welches jedoch in der Ueberzeugung eines allgemein anerkannten Bedürfnißes des Friedens Beruhigung findet.
Mit allen fremden Staaten be- [p. 5] findet sich die Schweiz in angenehmen und freundschaftlichen Verhältnißen, und es wird stets getrachtet, ersprießliche Verbindungen mit selbigen, und besonders mit den benachbarten, zu äufnen. Der gewünschte Abschluß eines Handelstractates mit den Niederlanden hängt von der allgemein wichtigen Bestimmung der freyen Rheinschiffahrt ab. Der Handelstractat mit Würtemberg ist vergnüglich geschloßen, und derjenige mit Baden in Unterhandlung.
Im Innern schreitet die geregelte Verwaltung ruhig fort. Die Regierung ist pflichtmäßig beschäftigt, allen Theilen ihre angelegenste Sorge zu wiedmen.
Dem Großen Rath gebührt geziemende Anzeige über zwey wichtige Gegenstände, die durch seine Gesetzgebung wohlthätig geregelt werden sollen.
Die Berathung über Erweiterung der hiesigen Zuchtanstalten wurden [sic!] nach dem Schluße der letztjährigen ordentlichen Sitzung dieser Höchsten Behörde unverweilt wieder, unter Zuziehung mehrerer Kunstverständiger, an die Hand genommen. Allein die Wichtigkeit des Gegenstandes und die möglichste Sorgfalt in Auswahl der bestgeeigneten [p. 6] Mittel zu Erreichung des wichtigen Zweckes, erfordern einen weitern Spielraum, daher sich der Kleine Rath vorbehält, dem Großen Rath darüber in einer nächsten Versammlung seinen gutächtlichten Bericht zu hinterbringen.
Die Allgemeine Berathung des Strafgesetzbuches ist von dem Kleinen Rathe vollendet; doch bedarf noch die vielfach gewünschte Institution zweyer Instanzen ihrer definitiven Erledigung, bevor das Ganze der weisen Beurtheilung der höchsten Behörde unterlegt werden kann.
Die Basis des ökonomischen Zustandes unsers Kantons breitet sich nunmehr durch das Walten der entbundenen Industrie in einem auch bey großen Staaten sichtbaren Kampfe mit der Landökonomie auf zwar fruchtbarem allein leicht zu erschütterndem Grunde aus, und neue Ansichten öffnen sich auf reiche, andern befreyten Welttheilen entsprießende Quellen.
Wie gewiß aber auch diese Verhältniße dem allgemeinen Wechsel menschlicher Dinge unterworfen seyn mögen, so liegt dennoch die Berechnung ihrer Wendungen außer Möglichkeit, und eine kluge Verwaltung darf sich niemals erlauben, [p. 7] in den Strome des Zeitschwunges gewaltsam oder hemmend einzugreifen.
Im Allgemeinen findet sich unser Land durch innere Ruhe, mildere Gesittung und die reichsten Segnungen der Natur, in einem beglückten Zustande, den uns die gütige Vorsehung erhalten wolle.